3.05.2026: 80 Jahre Ankommen im Lager Burg (Hessen)

80 Jahre Ankommen im Lager Burg – Teil 1: Gedenken am Gedenkstein

Mit einer Gedenkveranstaltung unter dem Thema „80 Jahre Ankunft der Heimatvertriebenen im Burger Lager“ erinnerten die Egerländer Gmoin Herborn und Dillenburg an die Vertreibung. Die zweigeteilte Veranstaltung begann am Gedenkstein in der Burger Hauptstraße und fand ihre Fortsetzung in der evangelischen Kirche in Burg.

Rund 125 Teilnehmer, darunter Fahnenträger der Egerländer im ehemaligen Dillkreis und der Sudetendeutschen Landsmannschaft, waren der Einladung zum Gedenkstein in der Burger Hauptstraße gefolgt. Gerlinde Kegel, Vorsitzende der Egerländer Gmoi Herborn und Initiator dieser Veranstaltung, begrüßte die Gäste, darunter auch den Stadtverordnetenvorsteher von Herborn, J. Michael Müller MdL, und die Redner des Nachmittags Bürgermeister Lukas Winkler, den Beauftragten des Hess. Innenministeriums für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Andreas Hofmeister MdL, sowie Pfarrer Konrad Schullerus und Pater Paulose für die beiden Kirchen.

Lukas Winkler begann seinen Rückblick mit dem historischen Standort im Burger Lager, in dem 1946 die Vertriebenen ankamen. Ankommen mit fast Nichts, vor sich eine ungewisse Zukunft.  Krieg und Leid über Europa, Menschenverachtung und die Folgen des Nationalsozialismus dürfen dabei nicht verdrängt werden. Die katholische Kirche war ein erster Anlaufpunkt und wuchs in Herborn durch die Vertriebenen von 100 Mitgliedern auf rund 2.000 Katholiken. In der Situation der Ankömmlinge war Mut erforderlich, Mut für den Neuanfang. Und das haben Vertriebene gezeigt, wie die Erfolgsgeschichte der Integration belegt. Er nannte beispielhaft bekannte Namen wie Ernst Bog, Josef Fritsch, Walther Reiser (alle Herborn) sowie Hermine Bender (Dillenburg).

Ergänzt wurden seine Ausführungen durch die persönliche Geschichte seiner Familie, mit Ursprung in Müglitz. Er ist somit auch ein Beispiel, dass viele Familien in Hessen einen Integrationshintergrund haben.

Andreas Hofmeister verwies auf die Bedeutung des Amtes des Vertriebenenbeauftragten für die Hessische Landesregierung. Seit 1999, also seit 27 Jahren, gibt es diese Position. Er verwies auf ein Drittel der Hessen mit Vertriebenen in der Familie bzw. bei den Vorfahren. Mütterlicherseits gibt es auch bei ihm das Sudetenland als Teil der Familiengeschichte. Sein Fazit: Wir müssen der Verluste gedenken. Aber heute überwiegt die Dankbarkeit, an das was danach kam bzw. wie es sich entwickelt hat.

Roman Pacholek umrahmte die Veranstaltung mit seiner Trompete. Mit „The Rose“ zu Beginn und „Von guten Mächten“ zum Ende der Veranstaltung traf er die richtige Wahl.

Bericht und weitere Fotos: Hans-Jürgen Ramisch

Fotos am Gedenkstein: Matthias Meinl

 

80 Jahre Ankommen im Lager Burg – Teil 2: Gedenkfeier in der Burger Kirche

Der zweite Teil der Gedenkfeiern über das Ankommen der Heimatvertriebenen vor 80 Jahren im Burger Lager auf dem Gelände der Burger Eisenwerke fand in der evangelischen Kirche in Burg statt. Hier warteten bereits weitere Gäste, die aus persönlichen Gründen nicht zum Gedenkstein gekommen waren.

Gmoi-Vorsitzende Gerlinde Kegel und Pfarrer Konrad Schullerus übernahmen die Begrüßung. Er stimmte mit einem Gebet auf die Veranstaltung ein.  Mit dem Psalm 137 „Die Gefangenen zu Babel“, Gefangene in der Fremde, übernahm Pater Paulose. In seiner Ansprache stellte der in Indien geborene Pater fest, dass er im Rahmen seiner seelsorgerischen Tätigkeit besonders mit älteren Personen viel über das Schicksal der Vertreibung und seine Folgen erfahren hat.

Hilda Hain übernahm es, obwohl keine echte Zeitzeugin, Vertreibung und das Ankommen aus der damaligen Sicht zu betrachten. Sie wurde in Royau, einem kleinen Dorf bei Marienbad geboren. Sie schilderte das Drama der sogenannten „Aussiedlung“, beginnend mit Beschlagnahme des Eigentums, zurücklassen von Haus und Hof, dem Treffen am Sammelplatz, Ausreise mit maximal 50 Kilo Gepäck und dem Verlassen der Heimat in insgesamt vier Transporten aus Royau.  Der Glaube erwies sich als Halt, sowohl bei der Ausreise und bei der Ankunft. Sie zitiert aus dem Lebensbericht von Gerlinde Kirchner „Sie pferchten uns mit jeweils 30 Personen in Vieh-Waggons. In der Nacht setzte sich der Zug mit 40 Waggons mit jeweils 30 Personen also insgesamt 1200 Menschen in Bewegung.“ Nach Entlausung und Registrierung in der ersten Ankunftsstelle in Bayern ging die Fahrt weiter nach Hessen und dort in der Dillkreis. Hier erreichte Kirchners Transport am 6. Juni 1946 das Lager in Burg. Insgesamt 13.200 Menschen wurden bei einer Verweildauer von ca. 2-3 Wochen durch das Lager in Burg „geschleust“. Dann erfolgte die Verteilung auf neue Orte und Wohnraumzuweisungen in sowieso schon zu kleine Wohnungen, gemeinsam mit den dort Lebenden. Evangelische Kirchengemeinden stellten ihre Kirche auch für den katholischen Gottesdienst zur Verfügung, quasi ein Anfang des ökumenischen Miteinanders. Rückwirkend betrachtet kann man festhalten: „aus Fremden wurden oft Freunde, die Fremde wurde zur neuen Heimat.“

Auch in den sechs Fürbitten klang der Wunsch nach Versöhnung und Frieden an. Nach den Segen durch Pfarrer Schullerus erklang das aus der Marienverehrung bekannte „Segne du Maria“. Das Egerländer Mundart-Duo Christa & Jürgen umrahmte die Gedenkfeier mit Liedern wie „Gröiß di Gott, du ma Eghalånd“ und „Du großer Gott“. Erweitert wurde das Programm durch die Erzählung von Hilda Hain über ein grenzüberschreitendes Apfelbäumchen, das die Heimatvertriebenen Royauer und den Heimatort wundersam verbindet.

Bericht und Fotos: Hans-Jürgen Ramisch