Egerländer feiern in ihrer Patenstadt Wendlingen das Vinzenzifest
Das 74. Vinzenzifest und 51. Landestreffen der Egerländer in Baden-Württemberg führte am 25. und 26. Juli 2026 zahlreiche Gäste in die Patenstadt Wendlingen am Neckar. Die heimatvertriebenen Egerländer brachten das über 300 Jahre alte Vinzenzifest aus Eger mit in ihre neue Heimat und bewahrten die Tradition über Generationen hinweg. Heute zählt das Fest zu den bedeutenden Heimat- und Brauchtumsveranstaltungen Baden-Württembergs. Für die Egerländer bildet es den zentralen Begegnungsort ihrer Gemeinschaft im Südwesten und zugleich einen festen Bestandteil des Wendlinger Stadtfestes.
Bereits die Eröffnung am Samstagnachmittag machte deutlich, worauf das Vinzenzifest seit Jahrzehnten gründet: Begegnung, Gemeinschaft und die Weitergabe von Kultur und Brauchtum. In seinem Grußwort erinnerte Landesvorsteher Mathias Rödl an die besondere Rolle Wendlingens als Patenstadt der Egerländer in Baden-Württemberg. Musik, Tanz und Tracht seien Ausdruck einer lebendigen Kultur, die bis heute Menschen und Generationen verbindet.
Für den kulturellen Auftakt sorgten die Kindergruppe der Banater Schwaben, die Volkstanzgruppe Unterland des Südwestdeutschen Gauverbandes sowie die Egerländer Gmoi Wendlingen. Begleitet von der Original Banater Schwabenkapelle wurde eindrucksvoll sichtbar, wie vielfältig und zugleich verbindend gelebtes Brauchtum heute sein kann.
Einen inhaltlichen Schwerpunkt des Landestreffens bildete die Sitzung des Patenschaftsrates der Egerländer in Baden-Württemberg. Als Ehrengast begrüßte der Patenschaftsrat Michal Pospíšil, stellvertretender Bürgermeister der Stadt Eger (Cheb). In seinem Grußwort bekannte er sich ausdrücklich zur Fortführung der guten Beziehungen zwischen der Stadt Eger und den Egerländern. Er würdigte die über Jahrzehnte gewachsene Aussöhnung und den offenen Dialog zwischen Deutschen und Tschechen. Gleichzeitig sprach er von konservativen und nationalistisch geprägten Gruppierungen, die ein anderes Geschichtsbild vertreten. Dieses teile die Stadt Eger ausdrücklich nicht. Die Stadtverwaltung stehe weiterhin für Verständigung, Zusammenarbeit und ein respektvolles Miteinander.
Im Anschluss sprach Christina Diederichs, Bundeskulturwartin im Bund der Eghalanda Gmoin, zum Thema „Heimat – 80 Jahre nach Flucht und Vertreibung“. Anhand ihrer eigenen Familiengeschichte zeigte sie auf, wie die Erfahrungen von Flucht und Vertreibung bis heute die Identität nachfolgender Generationen prägen. Ausgangspunkt ihres Vortrags waren die Erinnerungen ihrer Großmutter sowie persönliche Erlebnisse aus dem Familienalltag.
Mit Originalstücken aus Familienbesitz, historischen Trachtenteilen, Bildern und Dokumenten vermittelte sie den Teilnehmern einen unmittelbaren Zugang zur Lebenswelt der Vertriebenengeneration. Gleichzeitig stellte sie die Frage, wie Heimatverbundenheit, Kultur und Tradition an Generationen weitergegeben werden können, die selbst nie im Egerland gelebt haben. Die anschließende Diskussion machte deutlich, dass Fragen nach Heimat, Herkunft und kultureller Identität auch acht Jahrzehnte nach Flucht und Vertreibung nichts von ihrer Aktualität verloren haben.
Die Bedeutung des Landestreffens wurde zudem durch die Anwesenheit von Bundesvorsteher Helmut Kindl unterstrichen, der die Veranstaltungen des Festwochenendes begleitete.
Ein Höhepunkt des Wochenendes war die Vinzenziprozession am Sonntagvormittag. Mit der Reliquie des heiligen Vinzenzi zog die Prozession von der Kirche St. Kolumban zum Marktplatz. Fahnenabordnungen, Trachtenträgerinnen und Trachtenträger sowie zahlreiche Gläubige begleiteten den festlichen Zug. Dort schloss sich der ökumenische Festgottesdienst an, der von mehreren Chören sowie dem Musikverein Unterboihingen gestaltet wurde.
Pfarrer Peter Brändle stellte seine Predigt unter das Leitwort „Zuwendung statt Zuweisung“. Anstelle der Suche nach Schuldigen warb er für Verantwortung, Versöhnung und einen konstruktiven Umgang mit den Herausforderungen der Gegenwart. Die Geschichte der Heimatvertriebenen diene dabei als Beispiel dafür, wie Menschen trotz Verlust und Entwurzelung eine neue Heimat aufbauen können.
Besondere Aufmerksamkeit fand auch die Erinnerung an das Vermächtnis des früheren Bundesvüarstäihers Seff Heil: „Ich will eine Brücke sein von Land zu Land, von Volk zu Volk, von Mensch zu Mensch, von Herz zu Herz.“ Dieser Gedanke prägt bis heute die Verständigungsarbeit der Egerländer Gemeinschaft.
Zum Abschluss des Gottesdienstes erklang traditionell das Egerer Vinzenzi-Prozessionslied „O Vinzenzi“. Seit Generationen bildet es einen der prägenden Momente des Festes. Anschließend wurden traditionell Birnen an die Gottesdienstbesucher verteilt und damit der Birnsonntag begangen.
Beim anschließenden Stadtempfang begrüßte die Stadt Wendlingen mit Manuel Hagel, stellvertretendem Ministerpräsidenten sowie Minister des Inneren, für Digitalisierung und Europa des Landes Baden-Württemberg, einen hochrangigen Ehrengast. In seiner Vinzenzirede würdigte er das Fest als eines der bedeutenden Brauchtumsfeste des Landes und stellte die Bedeutung des Ehrenamts für den gesellschaftlichen Zusammenhalt heraus.
Einen Schwerpunkt seiner Rede bildete die Geschichte der Egerländer. Die Vertreibung bezeichnete er als eine Geschichte des Verlusts, zugleich jedoch auch als eine Geschichte von Hoffnung, Aufbauwillen und Zusammenhalt. Die Egerländer seien nach dem Krieg nicht nur mit ihrem wenigen Hab und Gut gekommen, sondern hätten Werte, Kultur, Fleiß und Verantwortungsbewusstsein mitgebracht und damit zum Aufbau Baden-Württembergs beigetragen.
In diesem Zusammenhang erinnerte Hagel an die Verdienste der Wendlinger Stadträte Hubert Matzner und Anton Rödl, die 1965 die Patenschaft der Stadt Wendlingen für die Egerländer in Baden-Württemberg angestoßen hatten. Unter dem Leitgedanken „Heimat und Horizont – Baden-Württemberg in Europa“ spannte er den Bogen von der Geschichte der Heimatvertriebenen zur Gegenwart Europas und betonte die Bedeutung von Aussöhnung, Partnerschaft und europäischer Zusammenarbeit.
Der Festumzug am Sonntagnachmittag bildete einen weiteren Höhepunkt des Festes und Schlusspunkt des Landestreffens. Insgesamt 34 Gruppen beteiligten sich an dem Zug durch die Wendlinger Innenstadt. Fachkundig moderiert wurde der Umzug von Reinhold Frank, dem Vorsitzenden des Landesverbands der Heimat- und Trachtenverbände Baden-Württemberg.
An der Spitze der Egerländer marschierte das Bundesbanner der Egerländer Gmoin, getragen von Alexander Stegmaier, stellvertretender Bundesvorsteher und Bundesjugendführer. Ihm folgten die Landesjugendfahne mit Andre Stegmaier sowie die Fahnen der Gmoin Stuttgart und Wendlingen. Die Fahne der gastgebenden Gmoi Wendlingen trug Landesvorsteher Mathias Rödl.
Dahinter präsentierten zahlreiche Trachtenträgerinnen und Trachtenträger gemeinsam mit Kindern die Vielfalt der Egerländer Trachten. Neben den Egerländern beteiligten sich unter anderem die Siebenbürger Sachsen, die Banater Schwaben sowie der Verein „Alte Heimat“ Kuhländchen Ludwigsburg gemeinsam mit der Tanzgruppe Javorník aus Nový Jičín in der Tschechischen Republik. Ihre Teilnahme verdeutlichte die lebendige Verbundenheit der verschiedenen sudetendeutschen Volksgruppen und die bis heute gepflegten Kontakte zu den Herkunftsregionen.
Einen besonderen Akzent setzten die Wendlinger Schulen und Kindergärten, die das Jahresmotto „Europa“ kreativ gestalteten. Vor dem Hintergrund von Flucht, Vertreibung und Aussöhnung erhielt dieses Thema eine besondere Aktualität. Zu den Blickfängen des Umzugs zählten zudem der aufwendig geschmückte Klöppelwagen der Trachtenfreunde Hülben sowie die zahlreichen Trachten-, Musik- und Kulturgruppen. Auch viele weitere ortsansässigen Vereine und Organisationen präsentierten sich mit kreativen Beiträgen am Festumzug.
Das 74. Vinzenzifest und 51. Landestreffen der Egerländer in Baden-Württemberg hat erneut gezeigt, was die Egerländer Gemeinschaft auszeichnet: die Verbindung von Glauben, Heimatverbundenheit, kultureller Tradition und gelebter Verständigung. Wendlingen am Neckar bleibt damit nicht nur Patenstadt der Egerländer in Baden-Württemberg, sondern auch der zentrale Ort, an dem Geschichte bewahrt und Gemeinschaft gelebt wird.
Mathias Rödl (Landes- und Gmoivüarstäiha), Wendlingen den 15.08.2026
- Tanzdarbietung der Egerländer Gmoi Wendlingen bei der Eröffnung des 51. Landestreffens (Foto: Kristina Kappels; Quelle: Stadt Wendlingen)
- Gruppenbild der Egerländer Teilnehmer beim Festumzug (Foto: Nina Rödl)
- Die Fahne der Egerländer Gmoi Wendlingen mit Landesvüarstäiha Mathias Rödl (vorne) und das Bundesbanner des Bundes der Eghalanda Gmoin mit stellvertretendem Bundesvüarstäiha Alexander Stegmaier (Foto: Dominik Heszler; Quelle: Banater Schwaben KV Wendlingen/Esslingen)
- Gruppenbild mit Vertretern aus Politik, Kommunen und Verbänden im Anschluss an den Stadtempfang (Foto: Nina Rödl)
- Manuel Hagel MdL (Innenminister und stellv. Ministerpräsident von Baden-Württemberg) bei der Vinzenzirede im Treffpunkt Stadtmitte (Foto: Kristina Kappels; Quelle: Stadt Wendlingen)
- Schon die Kleinsten helfen beim Verteilen der Birnen anlässlich des „Birnsunnta“ (Foto: Nina Rödl)






